Sonntag, 3. April 2011

Stürmische Zeiten

Liebes Online-Tagebuch,

wie immer liegen lange Pausen zwischen diesem und dem letzten Eintrag. Ich bin jetzt fast mit diesem Semester fertig, am Mittwoch endet die Vorlesungszeit. Doch noch ein siebenseitiges Essay will geschrieben werden und noch ein weiteres (immerhin schon fertig) korrekturgelesen. Ich habe also alle Hände voll zu tun, um am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag meine Hausarbeiten für dieses Semester abzugeben.
Doch obwohl mich das Ganze schon total in Anspruch nimmt, gibt es in meiner WG (mal wieder) Stress. Vielen von euch habe ich erzählt, wie zwei meiner Mitbewohnerinnen - hier mal Tanja und Marie genannt - auf dem Rücken der anderen Mitbewohnerinnen ihren extrem Teenie-Lifestyle durchgezogen haben. Laute Partys bis spät in die Nacht, Energieverschwendung bis zum geht-nicht-mehr und auch sonst nicht gerade "respektvolles" Verhalten waren an der Tagesordnung. Unsere Vermieterin, die direkt unter uns wohnt und sich nur mit dem Vermieten ihres Hauses beruflich beschäftigt, ist nicht sehr professionell. Warum ich diesen Eindruck habe, werde ich jetzt hier kurz erzählen. Vor einiger Zeit haben wir eine hohe Telefonrechnung erhalten, auf der auch ein geringer Betrag für das Internet beigefügt war. Wir haben nicht weiter darüber nachgedacht, denn in unseren Mietverträgen heißt es "Internet inklusive". Mich betraf die ganze Sache sowieso nicht, da ich nichts anderes als PDFs downloade, ich Streber. Anne, meine beste Freundin hier in der WG, hat dann aber aus schlechtem Gewissen den geringen Betrag für das Internet übernommen.
Ein paar Monate später - hatte sich diese Internetrechnung auf sage und schreibe 600 Dollar vergrößert. Wie war das passiert? Weil Marie und Tanja permanent Musik runtergeladen und mit sogenannten Filesharing-Programmen gearbeitet hatten, hatte sich der Traffic bei uns stark erhöht. In Kanada gibt es keine Internet-Flatrates mehr, d.h. jeder bezahlt unendlich viel für unendlich wenig. Aber anstatt uns schon bei der ersten Rechnung zu sagen, dass unsere Internetnutzung nicht mit dem Vertrag konform geht, hat unsere Vermieterin einfach garnichts getan. Ist ja nicht ihr Problem, wenn wir zu viele Kosten produzieren. War aber dann am Ende doch ihr Problem, weil die Kosten von ihrem Konto abgebucht werden, und zusätzlich noch im Mietvertrag von "kostenlosen Internet" die Rede ist. Aber nun zurück zu denjenigen, die das eigentliche Problem verursacht haben. Tanja und Marie. Beide weigern sich, die angefallenen Kosten zu übernehmen, weil die Vermieterin "sie nicht darauf hingewiesen hat". Das ist zwar rechtlich korrekt, menschlich aber unter aller Sau. Heute war dann auch ein Techniker da, der alle Laptops überprüft hat, um zu sehen, wer die Filesharing-Programme benutzt und wer nicht. Natürlich wurde dabei deutlich, dass Marie und Tanja verantwortlich waren. Aber anstatt endliche die Verantwortung für den entstandenen Schaden zu übernehmen, wurde alles abgestritten. In einem gemeinsamen Haustreffen hatte Anne (die immer an Kompromissen um jeden Preis interessiert ist), die Idee, dass wir die Kosten für die angefallene Rechnung einfach durch alle Nutzer des WLan teilen. Das würde konkret bedeuten: ich müsste mich mit fast 100 Dollar an der ganzen Sache beteiligen, obwohl ich das 1. nicht verursacht habe und 2. Tanja und Marie keinerlei Verantwortung übernehmen. Obwohl sich der Kostenpunkt in diesem Kompromiss für die beiden "Schuldigen" schon massiv verkleiert hätte, haben es beide abgelehnt, auch nur einen Cent zu bezahlen.
Ich habe dann einen halben Nervenzusammenbruch erlitten - vor Wut. Meine Vermieterin wird demnächst das Internet downgraden und das bedeutet für mich wohl: kein Skype, kein Tatort, kein Youtube. Und für diesen "Service", den ich Tanja und Marie verdanke, soll ich dann auch noch Kosten mitbezahlen, die ich nicht verursacht habe? Ich habe mich entschieden das nicht zu tun. Auch wenn ich dabei ein SEHR schlechtes Gewissen gegenüber meiner Vermieterin habe. Die bleibt nämlich garantiert auf dem Gesamtbetrag sitzen, wenn Anne ihr nicht aus Mitleid noch 100 gibt. Ich schäme mich für dieses Verhalten, will aber auch das Verhalten von Tanja und Marie nicht unterstützten. Ich denke, wer so etwas verursacht, soll auch dafür zur Verantwortung gezogen werden. Und wenn die Konsequenz ist, dass wir nur noch beschissenes (sorry) Internet haben, dann muss ich mit der Konsequenz leben.
~ Ich musste das hier heute Abend noch loswerden und würde mich sehr freuen, wenn der ein oder andere von euch Lesern mir ein Feedback per Mail zu meiner Gewissensfrage geben könnte. Ist es ok, nicht zu zahlen? Wie würdet ihr euch in einer solchen Situation verhalten? Ich muss mit Tanja noch bis Juli auskommen, komplett ans Bein pissen ist in einer solchen Situation auch unklug.

Bis bald, eure Hanni

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