Wo soll ich anfangen, liebe Online-Tagebuch-Leser?
So viel passiert, und das innerhalb einer Woche. Super gut, wenn man bedenkt, wie "langweilig" es im Verlgeich dazu in den letzten Wochen zuging. Ich fange mit dem Uniwahnsinn an. Uniwahnsinn kennt jeder von zu Hause. Egal ob Bürokratie, fehlende Unterschriften, Anträge, Vergessene Seminare, Dozenten die Hausarbeiten verlieren usw. - you name it würde der Amerikaner sagen. Nach meiner Zeit "im System" der Uni Freibur habe ich geglaubt, dass mich so schnell nichts mehr schocken kann. Aber Fehlanzeige: Schlimmer geht immer. Was ist passiert? McGill (meine Uni hier) hat beschlossen, vorbildlich Umweltschutz zu betreiben. Dazu gehört, dass man an allen Unidruckern nicht einseitig, sondern nur doppelseitig ausdrucken kann. Die Druckkosten von sagenhaften 7 cent pro Seite werden aber nicht pro Blatt, sondern pro Seite berechnet. Das bedeutet konkret, dass ich zwar Papier spare, aber genauso bezahle, als ob ich keins sparen würde. Ziemlich mies, finde ich. Aber als fremder Student habe ich das sang-und-klanglos akzeptiert. Fremde Länder, fremde Sitten und so.
Und jetzt kommts: meine Theorie-Professorin hat uns darauf hingwiesen, dass sie Essays bevorzugt, die einseitig ausgedruckt wurden. Und weil sie das letztes Jahr auch ins Vorlesungsverzeichnis eingetragen hatte, hat sie ein Student bei der Univerwaltung Zitat "denunziert". Die Folge war ein anynomer (aber aus der Univerwaltung stammender) Drohbrief, in dem sie aufgefordert wurde, ihren Teil zur Rettung der Umwelt zu leisten. Ich finde, das geht ziemlich weit. Hinterher habe ich erfahren, dass es eine einzige Person in der Univerwaltung gibt, deren Aufgabe es ist, für das Doppelseitige Drucken zu sorgen. Unglaublich! Ich hoffe, dass wir nicht in solche "öko-faschistischen" (wie Scott sagen würde) Verhältnisse kommen. Ein anderer Teil des Uniwahnsinns betrifft wiederum einen anderen meiner Professoren und diesmal auch direkt.
In den letzten Wochen ist deutlich geworden, dass seine politische Überzeugung als libertär zu bezeichnen ist und allein das war schon nicht so toll, weil politische Professoren im Unterricht nicht immer einfach sind und die Frage nach der "neutralen" Wissenschaft dann erst recht gestellt werden kann. Wie dem auch sei - mein Kommolitone musste ein Referat zu einem Buch halten und stellte sich dabei die Frage nach einem menschlichen Grundkonflikt (Abschnitt Arbeitsprozess): dass der Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss, um im Gegenzug Lebensmittel, Wohnung etc. zu erhalten. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Arbeit = Leben / Keine Arbeit = Sterben. Mein Professor meinte, es gebe diesen Konflikt nicht, schließlich könne man ja immernoch "in den Wald gehen". Mein norwegischer Kommolitone meinte dazu nur lapidar, "der Wald sei ja auch Privateigentum". Dazu ist nicht mehr viel hinzuzufügen - außer vielleicht, dass allzu politische Dozenten in der Uni einfach nicht angebracht sind.
Außerdem war letzte Woche "Veterans Day", ein Feiertag der im ganzen britischen Commonwealth begangen wird. Dabei stecken sich viele Menschen kleine Mohnblumen ans Revers, um den Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu gedenken. Ich habe sehr viele Leute mit diesem Blumen gesehen und auch viele meiner Mitstudenten haben sich an der "Woche des Erinnerns" beteiligt. Ich wurde gefragt, ob wir sowas in Deutschland auch haben und musste verneinen - vielleicht auch, weil bei uns der Erste Weltkrieg nicht so stark im Gedächnis verankert ist, wie der Zweite Weltkrieg.
Gestern war dann mein Geburstag. Leider habe ich 2/3 des Tages damit verbracht, mich durch Paul Ricoeurs Werk "Zeit und Erzählung" zu kämpfen, nur um hinterher festzustellen, dass ich das eigentlich garnicht musste. Abends dann bin ich mit ein paar Leuten lecker Indisch essen gegangen. Doch mein Weg zum Restaurant wäre fast kurz vor meiner Haustür schon wieder zu Ende gewesen: als die Müllabfuhr entschieden hatte, die geleerten Mülltonnen nicht an den Platz zurückzustellen, sondern zu werfen! Ganz knapp daneben, und mit einem kleinen Schock habe ich dann gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin Simone das Restaurant erreicht. Das Essen war super, die Stimmung war gut und Geschenke gabs auch! Ich bin jetzt stolze Besitzerin einer Flasche Lavendelöl, das mein Portemonnaie vom Meer-Geruch befreit und eines supercoolen Montreal-Städte-Moleskine-Notebooks!
Ihr seht also, auch in der Ferne kann man schöne Geburstage haben. Ich für meinen Teil sammle fleissig 1-Cent-Münzen, von denen pro Woche mehrere ihren Weg zu mir finden und halte mich an die Weisheit: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert! Und natürlich hoffe ich auch insgeheim, dass mir das ganze ein wenig Glück bringt. Denn das kann man ja schließlich immer gebrauchen.
Soviel von mir, bis bald, eure Hanni
So viel passiert, und das innerhalb einer Woche. Super gut, wenn man bedenkt, wie "langweilig" es im Verlgeich dazu in den letzten Wochen zuging. Ich fange mit dem Uniwahnsinn an. Uniwahnsinn kennt jeder von zu Hause. Egal ob Bürokratie, fehlende Unterschriften, Anträge, Vergessene Seminare, Dozenten die Hausarbeiten verlieren usw. - you name it würde der Amerikaner sagen. Nach meiner Zeit "im System" der Uni Freibur habe ich geglaubt, dass mich so schnell nichts mehr schocken kann. Aber Fehlanzeige: Schlimmer geht immer. Was ist passiert? McGill (meine Uni hier) hat beschlossen, vorbildlich Umweltschutz zu betreiben. Dazu gehört, dass man an allen Unidruckern nicht einseitig, sondern nur doppelseitig ausdrucken kann. Die Druckkosten von sagenhaften 7 cent pro Seite werden aber nicht pro Blatt, sondern pro Seite berechnet. Das bedeutet konkret, dass ich zwar Papier spare, aber genauso bezahle, als ob ich keins sparen würde. Ziemlich mies, finde ich. Aber als fremder Student habe ich das sang-und-klanglos akzeptiert. Fremde Länder, fremde Sitten und so.
Und jetzt kommts: meine Theorie-Professorin hat uns darauf hingwiesen, dass sie Essays bevorzugt, die einseitig ausgedruckt wurden. Und weil sie das letztes Jahr auch ins Vorlesungsverzeichnis eingetragen hatte, hat sie ein Student bei der Univerwaltung Zitat "denunziert". Die Folge war ein anynomer (aber aus der Univerwaltung stammender) Drohbrief, in dem sie aufgefordert wurde, ihren Teil zur Rettung der Umwelt zu leisten. Ich finde, das geht ziemlich weit. Hinterher habe ich erfahren, dass es eine einzige Person in der Univerwaltung gibt, deren Aufgabe es ist, für das Doppelseitige Drucken zu sorgen. Unglaublich! Ich hoffe, dass wir nicht in solche "öko-faschistischen" (wie Scott sagen würde) Verhältnisse kommen. Ein anderer Teil des Uniwahnsinns betrifft wiederum einen anderen meiner Professoren und diesmal auch direkt.
In den letzten Wochen ist deutlich geworden, dass seine politische Überzeugung als libertär zu bezeichnen ist und allein das war schon nicht so toll, weil politische Professoren im Unterricht nicht immer einfach sind und die Frage nach der "neutralen" Wissenschaft dann erst recht gestellt werden kann. Wie dem auch sei - mein Kommolitone musste ein Referat zu einem Buch halten und stellte sich dabei die Frage nach einem menschlichen Grundkonflikt (Abschnitt Arbeitsprozess): dass der Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss, um im Gegenzug Lebensmittel, Wohnung etc. zu erhalten. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Arbeit = Leben / Keine Arbeit = Sterben. Mein Professor meinte, es gebe diesen Konflikt nicht, schließlich könne man ja immernoch "in den Wald gehen". Mein norwegischer Kommolitone meinte dazu nur lapidar, "der Wald sei ja auch Privateigentum". Dazu ist nicht mehr viel hinzuzufügen - außer vielleicht, dass allzu politische Dozenten in der Uni einfach nicht angebracht sind.
Außerdem war letzte Woche "Veterans Day", ein Feiertag der im ganzen britischen Commonwealth begangen wird. Dabei stecken sich viele Menschen kleine Mohnblumen ans Revers, um den Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu gedenken. Ich habe sehr viele Leute mit diesem Blumen gesehen und auch viele meiner Mitstudenten haben sich an der "Woche des Erinnerns" beteiligt. Ich wurde gefragt, ob wir sowas in Deutschland auch haben und musste verneinen - vielleicht auch, weil bei uns der Erste Weltkrieg nicht so stark im Gedächnis verankert ist, wie der Zweite Weltkrieg.
Gestern war dann mein Geburstag. Leider habe ich 2/3 des Tages damit verbracht, mich durch Paul Ricoeurs Werk "Zeit und Erzählung" zu kämpfen, nur um hinterher festzustellen, dass ich das eigentlich garnicht musste. Abends dann bin ich mit ein paar Leuten lecker Indisch essen gegangen. Doch mein Weg zum Restaurant wäre fast kurz vor meiner Haustür schon wieder zu Ende gewesen: als die Müllabfuhr entschieden hatte, die geleerten Mülltonnen nicht an den Platz zurückzustellen, sondern zu werfen! Ganz knapp daneben, und mit einem kleinen Schock habe ich dann gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin Simone das Restaurant erreicht. Das Essen war super, die Stimmung war gut und Geschenke gabs auch! Ich bin jetzt stolze Besitzerin einer Flasche Lavendelöl, das mein Portemonnaie vom Meer-Geruch befreit und eines supercoolen Montreal-Städte-Moleskine-Notebooks!
Ihr seht also, auch in der Ferne kann man schöne Geburstage haben. Ich für meinen Teil sammle fleissig 1-Cent-Münzen, von denen pro Woche mehrere ihren Weg zu mir finden und halte mich an die Weisheit: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert! Und natürlich hoffe ich auch insgeheim, dass mir das ganze ein wenig Glück bringt. Denn das kann man ja schließlich immer gebrauchen.
Soviel von mir, bis bald, eure Hanni
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