Liebe Online-Tagebuch-Leser,
die Themen dieses Eintrages lauten: Unibeginn, Partyverbot und Mäusealarm. Unter diesen drei Schlagwörtern kann man sich so mehr oder weniger viel vorstellen, weshalb ich gleich ins Detail gehe. Am Mittwoch hatte das süße mehr-oder-weniger-Nichtstun ein Ende und ich meine ersten Kurse. Hauptseminar Nr.1 ist eine interdisziplinäre Veranstaltung gemeinsam mit dem Politikwissenschaftlichen Seminar und beschäftigt sich mit "der europäischen Politik in vergleichender Perspektive". Was sich hinter diesem schwammigen Begriff verbrigt wurde auch nach einer kurzen Einführung des Professors nicht deutlich. Was klar wurde, war seine Liebe zu Alexis de Toqueville. Deshalb müssen wir in den nächsten Wochen sein opus magnus "Democracy in America" durcharbeiten. Konkret bedeutet das für mich, dass ich die letzten zwei Tage 500 Seiten Tocqueville durchgearbeitet habe, um spannende Erkenntnisse über die Verwaltung einer Stadt oder Kommune in den USA der 1830er Jahre zu erhalten. Ich will nicht völlig abstreiten, dass man aus den Überlegungen sicherlich einige interessante Schlüsse ziehen kann, aber wie da die "vergleichende Perspektive" kommen soll und wo vor allem der Bezug zur Geschichtswissenschaft liegt, bleibt mir (noch) verborgen. Vielleicht ändert sich das ja in den nächsten Wochen. Viel Lesen ist hier Tagesprogramm. Konkret bedeutet das für mich: 1 Buch pro Woche pro Kurs, plus Extra schriftliche Hausaufgaben. In meinem zweiten Hauptseminar steht die Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert im Vordergrund. Prof.Krapfl legt dabei wert auf die unterschiedlichen Interpretationen des Begriffs "Revolution". Deshalb beginnen wir mit der russischen Revolution am Dienstag, um uns dann weiter vor zu arbeiten. Der Kurs ist anspruchsvoll und der Professor war enttäuscht, dass ich neben Deutsch nicht noch eine weitere Sprache Zentral- oder Osteuropas beherrsche. Auch hier gilt die Devise: Je mehr Lesestoff, desto besser. Reader werden zu den 7-8 Büchern, die man selbst kaufen muss, zusätzlich bereitgestellt. Die Professoren gehen offen damit um, dass man zwischen 250 und 300 pro Kurs investieren muss. Dabei gibt es die meisten Bücher auch in der UB, blos ist das Kopieren teuer (9Ct) und aufwendig, weil es nur einen Ort zum Kopieren gibt. Copyshops sind relativ weit weg und eine Lehrbuchsammlung gibt es nicht. Dafür aber E-Book-Reader (a la Kindle) die man sich in der UB für zwei Wochen ausleihen kann, um Ebooks besser lesen zu können. Ich habe mir fast alle Bücher bei amazon bestellt, weil ich so eine Menge Geld sparen kann. Der Unieigene Buchladen ist nämlich überteuert und bietet fast keine gebrauchten Bücher an.
Soweit zum Thema Uni und Lernen. Natürlich habe ich neben meiner anregenden Lektüre auch Spaß gehabt und nette Leute kennengelernt. Am Dienstag letzte Woche habe ich an einer Bustour mit Lunch für internationale Studenten mitgemacht und dort neben den obligatorischen Deutschen auch Frans aus den Niederlanden, Charles aus Frankreich und später am Tag dann noch Magherita aus Italien kennengelernt. Gemeinsam sind wir dann Ende der Woche zum OAP (Open Air Pub) auf dem Campus. Dort gab es günstige Hot Dogs und Getränke und eine Live-Band. Nachdem der DJ die Menge richtig aufgeheizt hatte, wurde um 21:00 auf einmal alles abgebrochen und die Meute nach Hause geschickt. Alle zogen brav und gesittet von dannen. Auf dem Campus herrscht eine besonders rigide Auslegung des Alkoholausschanks und selbst Professoren dürfen nach 9 kein Wine and Cheese mehr geniessen. Etwas verärgert war ich allerdings, als ich in Thomson House an einer Orientation für Graduate Studenten teilgenommen habe. Dort gab es für jeden ein Freigetränk, dass ich auf Grund der Enge im Haus und der gefühlten Temperatur von 40C gerne auf den Stufen vor der Eingangstür zu mir nehmen wollte. Das sei aber verboten, wurde ich belehrt, da auch schon die Stufen vor der Eingangstür als "draußen auf der Straße" betrachtet werden und ich deshalb dort kein Bier trinken darf. Ich habe das Grundstück nicht einmal verlassen! Wie dem auch sei, die Uni scheint in solchen Dingen wirklich päpstlicher als der Papst.
Seit Dienstag hatte ich außerdem Besuch von Lisa aus Freiburg. Zusammen haben wir die Stadt unsicher gemacht und am Samstag die berühmt-berüchtigte Kirche Madonna della Difesa in Petit Italie besucht. Dort gibt es ein großes Fresko, das unter anderem Mussolini zeigt. Es wurde von den ansässigen Italienern zum Dank für das Konkordat mit dem Vatikan in Auftrag gegeben. Gemeinsam mit Scott, der mich seit Freitag Abend über das Labour-Day-Wochenende besucht, waren wir dann sehr lecker und günstig indisch essen.
Doch dann der Schock: Heute morgen höre ich ganz deutlich Mäusefüße hinter meiner Wand. Meine Mitbewohnerinnen berichteten darauf hin, dass sie heute Nacht eine Maus in der Speisekammer gestellt haben! Die Vermieterin ist jetzt damit beschäftigt, die möglichen Mäuselöcher zu finden und zu versiegeln. Mäusefallen sind natürlich auch unerlässlich. Aber ob wir den Kampf gegen die Nagetiere gewinnen oder nicht, steht noch nicht fest. Ihr solltet regelmäßig vorbeischauen, um zu sehen, wie der Stand der Dinge ist. Ich jedenfalls versuche mir jetzt in meinen Text über die russische Revolution zu vertiefen und die Mäuse Mäuse sein zu lassen. Alles Liebe, eure Hanni
die Themen dieses Eintrages lauten: Unibeginn, Partyverbot und Mäusealarm. Unter diesen drei Schlagwörtern kann man sich so mehr oder weniger viel vorstellen, weshalb ich gleich ins Detail gehe. Am Mittwoch hatte das süße mehr-oder-weniger-Nichtstun ein Ende und ich meine ersten Kurse. Hauptseminar Nr.1 ist eine interdisziplinäre Veranstaltung gemeinsam mit dem Politikwissenschaftlichen Seminar und beschäftigt sich mit "der europäischen Politik in vergleichender Perspektive". Was sich hinter diesem schwammigen Begriff verbrigt wurde auch nach einer kurzen Einführung des Professors nicht deutlich. Was klar wurde, war seine Liebe zu Alexis de Toqueville. Deshalb müssen wir in den nächsten Wochen sein opus magnus "Democracy in America" durcharbeiten. Konkret bedeutet das für mich, dass ich die letzten zwei Tage 500 Seiten Tocqueville durchgearbeitet habe, um spannende Erkenntnisse über die Verwaltung einer Stadt oder Kommune in den USA der 1830er Jahre zu erhalten. Ich will nicht völlig abstreiten, dass man aus den Überlegungen sicherlich einige interessante Schlüsse ziehen kann, aber wie da die "vergleichende Perspektive" kommen soll und wo vor allem der Bezug zur Geschichtswissenschaft liegt, bleibt mir (noch) verborgen. Vielleicht ändert sich das ja in den nächsten Wochen. Viel Lesen ist hier Tagesprogramm. Konkret bedeutet das für mich: 1 Buch pro Woche pro Kurs, plus Extra schriftliche Hausaufgaben. In meinem zweiten Hauptseminar steht die Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert im Vordergrund. Prof.Krapfl legt dabei wert auf die unterschiedlichen Interpretationen des Begriffs "Revolution". Deshalb beginnen wir mit der russischen Revolution am Dienstag, um uns dann weiter vor zu arbeiten. Der Kurs ist anspruchsvoll und der Professor war enttäuscht, dass ich neben Deutsch nicht noch eine weitere Sprache Zentral- oder Osteuropas beherrsche. Auch hier gilt die Devise: Je mehr Lesestoff, desto besser. Reader werden zu den 7-8 Büchern, die man selbst kaufen muss, zusätzlich bereitgestellt. Die Professoren gehen offen damit um, dass man zwischen 250 und 300 pro Kurs investieren muss. Dabei gibt es die meisten Bücher auch in der UB, blos ist das Kopieren teuer (9Ct) und aufwendig, weil es nur einen Ort zum Kopieren gibt. Copyshops sind relativ weit weg und eine Lehrbuchsammlung gibt es nicht. Dafür aber E-Book-Reader (a la Kindle) die man sich in der UB für zwei Wochen ausleihen kann, um Ebooks besser lesen zu können. Ich habe mir fast alle Bücher bei amazon bestellt, weil ich so eine Menge Geld sparen kann. Der Unieigene Buchladen ist nämlich überteuert und bietet fast keine gebrauchten Bücher an.
Soweit zum Thema Uni und Lernen. Natürlich habe ich neben meiner anregenden Lektüre auch Spaß gehabt und nette Leute kennengelernt. Am Dienstag letzte Woche habe ich an einer Bustour mit Lunch für internationale Studenten mitgemacht und dort neben den obligatorischen Deutschen auch Frans aus den Niederlanden, Charles aus Frankreich und später am Tag dann noch Magherita aus Italien kennengelernt. Gemeinsam sind wir dann Ende der Woche zum OAP (Open Air Pub) auf dem Campus. Dort gab es günstige Hot Dogs und Getränke und eine Live-Band. Nachdem der DJ die Menge richtig aufgeheizt hatte, wurde um 21:00 auf einmal alles abgebrochen und die Meute nach Hause geschickt. Alle zogen brav und gesittet von dannen. Auf dem Campus herrscht eine besonders rigide Auslegung des Alkoholausschanks und selbst Professoren dürfen nach 9 kein Wine and Cheese mehr geniessen. Etwas verärgert war ich allerdings, als ich in Thomson House an einer Orientation für Graduate Studenten teilgenommen habe. Dort gab es für jeden ein Freigetränk, dass ich auf Grund der Enge im Haus und der gefühlten Temperatur von 40C gerne auf den Stufen vor der Eingangstür zu mir nehmen wollte. Das sei aber verboten, wurde ich belehrt, da auch schon die Stufen vor der Eingangstür als "draußen auf der Straße" betrachtet werden und ich deshalb dort kein Bier trinken darf. Ich habe das Grundstück nicht einmal verlassen! Wie dem auch sei, die Uni scheint in solchen Dingen wirklich päpstlicher als der Papst.
Seit Dienstag hatte ich außerdem Besuch von Lisa aus Freiburg. Zusammen haben wir die Stadt unsicher gemacht und am Samstag die berühmt-berüchtigte Kirche Madonna della Difesa in Petit Italie besucht. Dort gibt es ein großes Fresko, das unter anderem Mussolini zeigt. Es wurde von den ansässigen Italienern zum Dank für das Konkordat mit dem Vatikan in Auftrag gegeben. Gemeinsam mit Scott, der mich seit Freitag Abend über das Labour-Day-Wochenende besucht, waren wir dann sehr lecker und günstig indisch essen.
Doch dann der Schock: Heute morgen höre ich ganz deutlich Mäusefüße hinter meiner Wand. Meine Mitbewohnerinnen berichteten darauf hin, dass sie heute Nacht eine Maus in der Speisekammer gestellt haben! Die Vermieterin ist jetzt damit beschäftigt, die möglichen Mäuselöcher zu finden und zu versiegeln. Mäusefallen sind natürlich auch unerlässlich. Aber ob wir den Kampf gegen die Nagetiere gewinnen oder nicht, steht noch nicht fest. Ihr solltet regelmäßig vorbeischauen, um zu sehen, wie der Stand der Dinge ist. Ich jedenfalls versuche mir jetzt in meinen Text über die russische Revolution zu vertiefen und die Mäuse Mäuse sein zu lassen. Alles Liebe, eure Hanni
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