Donnerstag, 26. August 2010

Shiva, Immigration, Leggins. Culture

Liebe Online-Tagebuch-Leser,

hier wieder eine verspätete Nachricht von mir aus Montréal. Was ist in den letzten Tagen passiert? Eine ganze Menge, würde ich sagen. Da war zum einen die Registrierung an der Uni, dass heißt, die Registrierung für die Kurse beim Historischen Seminar. Gemeinsam mit der dafür zuständigen Sekretärin habe ich meine Kurse durchgesprochen – hier gibt es für jeden der 23 Masterstudenten eine eigene Akte! Und einen eigenen Termin beim Chef des Departments. Natürlich war ich ziemlich aufgeregt, aber Prof. Hundert ist nicht nur sehr nett sondern auch hilfsbereit gewesen. Weil ich einen Kurs nicht bekommen konnte, habe ich mit ihm „Einzelunterricht“ vereinbart, um meine Credits zu bekommen. Hier wird dieser individuell zwischen dem Studenten und Dozenten ausgemachte Unterricht „Tutorial“ genannt. Der Dozent unterrichtet in einem solchen Tutorial Dinge seines Fachgebietes, bei mir wird das jüdische Geschichte sein.
Als ob das nicht genug Paperwork gewesen wäre, habe ich mich dann zur kanadischen Einwanderungsbehörde aufgemacht, um dort eine Sozialversicherungsnummer zu bekommen. Damit darf ich auf dem Campus als Teaching Assistant arbeiten. Der ganze Prozess verlief problemlos, auch wenn ich hier das erste Mal richtigen Unwillen gegen Englischsprechen zu spüren bekam. Eigentlich ist es nämlich kein Problem, denn außerhalb der Metro und ihren Beschäftigten wechselt nahezu jeder in perfektes Englisch. Beamte sind wirklich in jedem Land ähnlich, scheint mir. Auch an der Uni sind die Sekretärinnen nicht die Schnellsten und teilweise sogar ziemlich verpeilt. Und ich habe auch gehört, dass man ähnliche Budgetvorgaben wie in Deutschland hat. Wenn es also darum geht, Geld entweder an Studis oder in ein neues Büro zu stecken, ist das bloß eine Entscheidungssache. Weg muss das Geld so oder so. Buisness as usual also.
In meiner WG geht soweit alles seinen Gang, Nachmittags ist es eher ausgestorben, dafür aber Abends ziemlich belebt. Meine beiden Mitbewohnerinnen Carolina (18) und Diane (21) sind ziemlich ausgehfreudig und teilen mit mir das laute Organ, aber bisher ist es noch zu keinen Schwierigkeiten gekommen. Die dritte im Bunde, Simone (20) aus Kalifornien ist die Entspannteste meiner Mitbewohnerinnen. Ich bin gespannt, wie sich unsere Mischung in der nächsten Zeit entwickelt. Hier im Viertel (Notre-Dame-de-Grace, kurz NDG) ist es wirklich nett, bei mir um die Ecke ist nicht nur eine Bushaltestelle, sondern auch ein toller indischer Supermarkt. Da singen die Verkäuferinnen beim Verkaufen indische Lieder zu Ehren Shivas und das Gemüse ist unglaublich frisch und fast so billig wie in Deutschland. Direkt nebenan ist ein Buchladen, der gebrauchte Bücher aller Art vertreibt und sehr einladend ist. Nicht vergessen werden sollte der polnische Tante-Emma-Laden „Wawel“ bei dem ich heute köstlichste Pirogi und echten! Käse und Schinken erstanden habe. Und um das Ganze zu einer guten Gegend für mich abzurunden, gibt es einen Block weiter noch einen riesigen Laden der Salvation Army. Besser geht’s nicht, auch wenn ich bisher dort (noch) nichts erstanden habe. Apropos erstanden: heute habe ich mich praktisch zum ersten Mal nicht verlaufen, als ich versucht habe die Metro im Shopgewirr zu finden! Ich bin ziemlich stolz auf mich, weil ich jetzt das Gefühl habe, dass ich die Shops in Griff habe und nicht sie mich. Zur kleinen Erläuterung: um zur Metro Downtown zu gelangen, muss man durch endlose Gänge wandern, immer vorbei an mehrheitlich völlig uninteressanten Geschäften und Foodcors wie Subway. Bestimmt wirklich toll im Winter, ziemlich anstrengend aber sonst.
Auch sonst wundere ich mich über so manche Begebenheit. Überall, aber vor allem an der Uni laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren, obwohl es draußen nie wärmer als 22C ist – und es ist dermaßen kalt, dass alle Bibliotheksbesucher in Jacken am Schreibtisch sitzen, während man draußen im T-Shirt sein kann. Ein anderes merkwürdiges Phänomen ist ein modisches: Mädels in Leggins und sonst nix. Jeder kann sich seine eigene Meinung dazu bilden, ich finde es wirkt irgendwie…nackt. Ist aber ein riesen Trend hier und scheint vor allem auf Mädels Anfang 20 zuzutreffen.
Neben solchen kuriosen Beobachtungen, denen ich jetzt noch unzählige hinzufügen könnte, versuche ich natürlich die Stadt weiter zu erkunden. Gestern Abend war ich in der Miles-Davis-Ausstellung im Museé de Beaux-Arts. Die Austellung war sehr interesant, etwas überlaufen und leider zu wenig auf die eigentliche Musik konzentriert. Eine interessante Erfahrung war es aber allemal. Heute habe ich bei einem Treffen internationaler Austauschstudenten – dreimal dürft ihr raten – genau! ein paar Deutsche kennengelernt. Ich freue mich in der Hinsicht wirklich auf den Semesterbeginn nächste Woche, weil ich das Gefühl habe, dass mein Englisch derzeit arg zu kurz kommt. Am Wochenende will ich endlich die Texte lesen, die ich schon seit einer Woche vor mir herschiebe, die gebrauchten Textbooks für meine Seminare erstehen und hoffentlich hoffentlich viel Geld sparen und vielleicht mal einen Flohmarkt besuchen, denn das Wetter soll blendend werden. Soweit von mir. Bis bald, eure Hanni

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schön geschrieben, aber am Besten wären noch ein paar Bilder!

Anonym hat gesagt…

"fotografien wären nett" brüllte der helmut newton in ihm, und der innere jürgen drews ergänzte: "vor allem von den mitbewohnerinnen", worauf ihm die gerontophilie ins gesicht schlug.

im übrigen bin ich der ansicht, dass wir ein telefonat führen sollten