Liebe Online-Tagebuch-Leser,
nach einer Weile melde ich mich zurück in der digitalen Welt. Ich habe auch ein paar wenige Fotos geschossen – aber diesmal lag es nicht an mir, sondern an der Kamera, dass es nicht mehr wurden. Ihr könnt euch aber auf eine Flickr/Facebook-Fotogalerie freuen, die ich in den nächsten Tagen einrichten will. In den letzten Tagen ist mal wieder einiges passiert. Letztes Wochenende habe ich damit verbracht, die 100 Seiten für meine erste Sitzung des Seminars „Revolution und Widerstand in Osteuropa im 20. Jahrhundert“ zu lesen. Ziemlich anstrengend, da es nicht um Revolutionen in Osteuropa, sondern um die english Glorious Revolution und die allseits beliebte und bekannte französische Version ging. Als Krönung noch des Karls und Friedrichs Manifest von 1848 und ich hatte genug zu tun, um nicht in der Sonne draußen sitzen zu können.
Ich sage hier an dieser Stelle bewusst Sonne, auch wenn ich weiß, wie schlimm das Wetter in der Heimat ist. Sonne! Woot Woot! Bis Mittwoch habe ich das Glück nochmal richtigen Hochsommer zu genießen. Aber genug der Quälerei. Zurück zum Lesen. Ich konnte das Wetter nicht genießen, weil ich meinen Laptop nicht mit nach draußen nehmen wollte. „Warum hast du dir deine Texte nicht einfach ausgedruckt?“ würdet ihr mich jetzt fragen. Ein Ausdruck an der Uni kostet wuchermäßige 9 Cent pro Seite und man kann auch nicht sparen, indem man beispielsweise 4 Seiten auf einer druckt. Bis ich eine Alternative gefunden habe, muss ich also wohl oder übel mit der digitalen Version meiner Texte vorlieb nehmen.
Am gestrigen Sonntag wollte ich gemeinsam mit den anderen Deutschen von der Uni Tatort schauen. Soweit, so gut. Ich habe aber leider im Stress die Ubahnstationen St. Laurent und Laurier verwechselt, sodass ich 1 ½ zu meinem Ziel laufen musste. Mehrmals war ich kurz vor dem Aufgeben, da ich ohne Handy oder Telefonnummer meiner Gastgeber unterwegs war und mein Ziel auf meinem Stadtplan nicht eingezeichnet war. Letztlich habe ich es aber dann doch geschafft. Und nachdem ich mehr als eine Stunde unterwegs war, hatte ich keine Lust mehr, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Auf meinem verwirrten Weg Richtung Tatort habe ich außerdem eine wirklich nette Montreals kennengelernt, die Avenue St.Laurent. Dort sind jede Menge nette Bars, Restaurants und Geschäfte.
Samstag habe ich mit Clement (ein französischer Freund aus Freiburg. Ich liebe Aliterationen) eine streng hippe Hipsterparty besucht. Dort wurden wir Zeugen einer wirklich „spannenden“ Videoperformance, bei der abwechselnd Bilder von Quallen und psychedelische Muster gezeigt wurden. Rund um die Videoleinwand waren Mädels gruppiert, die einerseits im Bild standen und andererseits versuchten, mit Spiegelsplittern sich gegenseitig Licht zuzuspiegeln. Ob es Absicht war, dass man dabei von der eigentlichen Videoshow wenig sehen konnte, war nicht ersichtlich. Clement und ich waren so ziemlich die unhipstersten Leute der ganzen Party und unser Hipster-Bekannter Cornelius (aus Siegen, jetzt Berlin) war definitiv um Welten cooler. Weil aber die Quallen und auch die nachfolgende Performance/Comedy über einen animierten Schwarzen (teilweise wirklich rassistisch) im Getto nicht ganz unseren Geschmack traf, haben wir die Party noch vor ihrem Höhepunkt ohne schlechtes Gewissen verlassen. Außerdem war das Ganze dermaßen JWD, dass ich letztlich 40min mit der Bahn unterwegs war, bis ich dann zu hause ankam.
In meiner WG ist die letzter der Mitbewohnerinnen, Rownda (19) eingezogen. Im Moment läuft hier alles ziemlich gut und am Wochenende wollen wir einen WG-Rat abhalten und beschließen, welchen Putzplan wir haben wollen. Auch mit dem Geschirr klappt eigentlich alles soweit – nur Diane wäscht ihre Sachen mit 2 Tagen Verspätung. Aber bei 5 Leuten ist einer ja ok.
Für mich startet Mittwoch die Uni richtig und morgen habe ich das erste Orientation-Treffen von Geschichte. Ich bin entsprechend aufgeregt und nach dem Treffen mit ein paar PhD-Studenten auch ein bisschen verängstigt, wie viel Lese- und sonst Aufwand auf mich zu kommen wird. Der arme PhD-Mensch sprach sogar davon, dass er pro 1 Tag ein Buch lesen müsste. Das würde so von ihm erwartet. Ich bin also gespannt, welche Foltermethoden die da so auf Lager haben.
Ich trinke jetzt mein Feierabend Malzbier (Import aus den Niederlanden) und genieße den Abend auf den Stufen vor unserem Haus. Bis bald, eure Hanni
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